Riemann Musik Lexikon: "Walzer"
Walzer (von walzen, sich drehen, aber auch s.v.w. schleifen, die Füße beim Tanzen am Boden drehen, im Gegensatz zu hüpfen, hopsen; engl. waltz; frz. valse; ital. valzero), ein seit dem letzten Viertel des 18. Jh. bekannter, im österreichisch-bajuwarischen Raum entstandener Tanz im 3/4-Takt, dessen direkte Vorläufer der Deutsche Tanz, der Ländler und der Langaus sind. Der Walzer ist ein Einzelpaartanz, bei dem die Paare in geschlossener Tanzhaltung eine doppelte Drehbewegung ausführen, wobei sie, sich um die eigene Achse drehend, die Tanzfläche umrunden. Schon vor dem Aufkommen des Wortes Walzer (um 1780) finden sich, seit etwa 1750, Belege für walzen, walzerisch tanzen (z.B. in J. Kurz Komödie Der auf das neue begeisterte und belebte Bernadon, 1754, in: DTÖ XXXIII, S. 18), sehr wahrscheinlich schon hier in der Bedeutung des charakteristischen Schleifens der Füße am Boden; noch 1760 wurden walzende Tänze durch eine bayerische Verordnung verboten.
Drehtänze, meist gehüpft oder gestampft, waren seit dem Mittelalter bekannt; sie wurden immer wieder bekämpft; noch bei W.A. Mozart (Don Giovanni) galten sie als derb und dem niederen Volke zukommend. Die allgemeine Durchschlagskraft des Walzers hängt nicht zuletzt zusammen mit den soziologischen Auswirkungen der Französischen Revolution und der im 19. Jh. sich vollziehenden sozialgeschichtlichen Umstrukturierung. Für das Aufkommen des Walzers in Wien scheint es von Bedeutung gewesen zu sein, daß hier die Kluft zwischen Adel und Volk weniger kraß war als etwa in Frankreich, wo es undenkbar gewesen wäre, 3000 Bürger und Bügerinnen zu einem Hofball einzuladen, wie es Kaiser Joseph II. 1781 tat. Als 1786 in Wien der erste Walzer von zwei Paaren auf der Bühne getanzt wurde (in: Una cosa rara von Martín y Soler), fand er ein aufnahmefreudiges Publikum. Trotz harter Kritik von seiten einzelner aus der hohen Gesellschaft und seines Verbots z.B. am preußischen Hof, wo er noch unter Wilhelm II. beim offiziellen Teil des Hofballs nicht gestattet war (Walzer linksherum blieb wegen der noch engeren Tanzhaltung für alle Gesellschaftbälle der damaligen Zeit überhaupt untersagt), erlangte der Walzer seit dem Wiener Kongreß (1814/15) weltweite Verbreitung und erfaßte wie kein Tanz zuvor alle Schichten der Gesellschaft. Der Wiener Walzer, wie er schon 1811 (J.H. Campe, Wörterbuch der Deutschen Sprache V, Braunschweig 1811) genannt wurde, gehört bis heute zu den Standardtänzen. Im Laufe des 19. Und 20. Jh. entwickelten sich verschiedene Walzer-Typen. Neben dem Wiener Walzer gab es einen Französischen Walzer, der meist aus drei in Schnelligkeit sich steigernden Teilen bestand: Valse (3/8 oder 3/4, Andante), Sauteuse (6/8, Allegretto), Jeté oder schnelle Sauteuse (6/8 Allegro bis Presto). Aus Amerika kam der langsam gleitende Boston (-1), der besonders um 1920 in Europa beliebt war. Der langsame Walzer oder English Waltz, auch Waltz, der heute wie der Wiener Walzer zu den Standardtänzen gehört, kam in den 1920er Jahren in Europa in Mode. Im Unterschied zum Wiener Walzer werden beim langsamen Walzer mehrere Variationen getanzt.
Die ersten Walzer hatten eine mäßige Bewegung, in der letzten Zeit aber, seitdem der sog. Wiener Walzer, der ein ungleich schnelleres Tempo hat, herrschend wurde, hat sich der Frohsinn und die Lustigkeit, die sich darin aussprechen, bis zur bacchantischen Wuth gesteigert . Die Musik des Tanzes hat alle diese Perioden der steigenden Heftigkeit und Leidenschaft mit durchgemacht (SchillingE). Der Walzer bestand zunächst in der Regel aus zwei Reprisen zu je 8 Takten (so in KochL beschrieben), doch stellte man bald mehrere Walzer zu einer Folge zusammen. Frühe gedruckte Walzer liegen vor in den 12 Walzern op. 34 (1800) von D. Steibelt. 1808 wurden anläßlich der Einweihung des Apollo-Palastes die Tänze für den Apollosaal op. 31 für Kl. von J.N. Hummel aufgeführt, die mit Trios, da Capo und Coda eine halbe Stunde dauerten und als die ersten Konzert-Walzer angesehen werden können. In ihrer Nachfolge stehen Walzer von C.M.v. Weber, Chopin, Liszt und Brahms. Viele Walzer-Kompositionen nehmen eine eigenartige Stellung zwischen Konzert- und Gebrauchsmusik ein. Von Schubert ist bekannt, daß er seinen Freunden zum Tanz aufspielte. Seine Walzer sind gleichsam als niedergeschriebene Improvisationen zu betrachten (A. Einstein, Schubert, NY 1951, deutsch Zürich 1952, S. 230). Sie sind vorwiegend noch 8taktig mit zwei Reprisen, meist folgen 12 oder mehr Nummern aufeinander. Auch Beethoven schrieb noch Walzer für den praktischen Gebrauch, z.B. die vier Walzer in den sogenannten Mödlinger Tänzen (WoO 17, 1819). Mit den 1819-23 entstandenen 33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli op. 120 schrieb er ein reines Vortragsstück, während die Walzer Es dur und D dur von 1824 und 1825 wieder mehr der Gebrauchsmusik zugehören. Entscheindenden Einfluß auf die Entwicklung des Walzers hatte C.M.v. Webers Konzert-Rondo für Kl. Aufforderung zum Tanz op. 65 (1819, später von Berlioz instrumentiert), ein Walzer-Zyklus mit langsamer Introduktion und Coda. Richtungsweisend an diesem Werk waren: die geschlossenen Form mit Introduktion und einer Coda, die den Anfang wieder aufgreift; die planvolle Abfolge in Melodie, Tempo und Tonarten; die bei Schubert schon gelegentlich vorhandene Begleitungsform mit dem Vorschlagen des Basses und dem Nachschlagen zweier Akkorde; das gegenüber früheren Walzern wesentlich schnellere Tempo; die Ausweitung der einzelnen Walzer über die Achttaktigkeit hinaus. Damit war im Walzer eine große Kunstform geschaffen.
Die genannten Charakteristika gelten jedoch nicht nur für die Konzertform des Walzers, sondern auch für die des klassischen Wiener Walzers Lannerscher und Straußscher Prägung seit den 1820er Jahren. Hervorgegangen aus der Tanzkapelle M. Pamers, wurden Lanner und J. Strauß(Vater) zu den beherrschenden Persönlichkeiten der Wiener Tanz- und Unterhaltungsmusik, in der Publikumsgunst wohl nur noch übertroffen von J. Strauß(Sohn), dem "Walzerkönig". Die Walzer-Kompositionen von Lanner und Strauß(Vater) begannen mit einer kürzeren oder längeren Introduktion, gefolgt von fünf Walzern und der Coda, in der die vorangegangenen Walzermelodien anklangen. Der einzelne Walzer bestand aus einem meist 16taktigen Teil A, einem gleichlangen aber im Charakter unterschiednen Teil B und gelegentlich einer einfachen Wiederholung des Teiles A (|:A:||:B:||A|). Von Lanner wurden besonders bekannt: Pesther Walzer op. 93, Hofballtänze op. 161, Die Schönbrunner op. 200; von Strauß(Vater): Cäcilien-Walzer op. 120, Donaulieder op. 127, Loreley-Rheinklänge op. 154. J. Strauß(Sohn) übernahm diese Form, ging jedoch in den kompositorischen Mitteln über seine Vorgänger hinaus: die Introduktion wurde gelegentlich zu einer Art Orchestervorspiel ausgeweitet, der Rhythmus wurde abwechslungsreicher, die Harmonik reicher und die Instrumentierung kunstvoller gestaltet. Die Ausführung ist charakterisiert durch eine leichte Vorwegnahme der zweiten Zählzeit in der Begleitung, sowie durch das "Einschleifen", die allmähliche Tempobeschleunigung beim Übergang von der Introduktion zum eigentlichen Walzer. Bekannteste Walzer von Strauß(Sohn) sind: An der schönen blauen Donau op. 134, Geschichten aus dem Wiener Wald op. 325, Frühlingsstimmen op. 140, Kaiserwalzer op. 437. Schon früh wurde der Walzer wesentlicher Bestandteil der Wiener Operette, deren zu Walzer-Folgen zusammengestellte Melodien die Operette an Popularität häufig übertrafen (z.B. Rosen aus dem Süden, aus: Das Spitzentuch der Königin von J. Strauß[Sohn]).
Der Walzer fand einen nachhaltigen Niederschlag auch in der Kunstmusik. Von Chopins Wazler op. 42 (1840) sagte R. Schumann, daß, wenn man ihn zum Tanze vorspielen wolle, unter den Tänzerinnen die gute Hälfte wenigstens Komtessen sein müßten (Gesammelte Schriften II, 1914, S. 32). Die Walzer von Liszt und Brahms sind hochstilisierte Tänze und nur noch als Vortragsstücke gedacht. Außer den Walzern für Kl. sind von Brahms auch die Walzer op. 52 und 65 (beide mit dem Titel Liebeslieder) zu nennen. Zuweilen fand der Walzer Eingang in die symphonische Musik, z.B. in Berlioz Symphonie fantastique (1830), in Tschaikowskys 5. Symphonie (1888), in Mahlers 9. Symphonie (1909). Der Walzer kommt in zahlreichen Bühnenwerken vor, z.B. in Gounods Faust (1869), in R. Strauss Rosenkavalier (1911), in Bergs Wozzeck (1914-21), in Strawinskys Pétrouchka (1911, Neufassung 1947) und Histoire du soldat (1918). Ravel schrieb ein Ballet mit dem Titel La valse (1922). Die Valses nobles et sentimentales (1911) von Ravel sind eine Walzer-Suite nach dem Vorbild Schuberts. Für die immer stärkere Zuweisung des Walzers zum Bereich historischer Musikformen ist auch die Art seiner Verwendung in der Filmmusik charakteristisch, wo Walzer oder Walzer-Musik bestimmte Vorstellungen (vor allem die Wiener Gesellschaft und von ihr ausgehend auch das Bürgertum des 19. Jh. und der Vorkriegszeit, damit also die Vorstellung der vergangenen "guten alten Zeit") assoziieren soll.