Dritter Akt.

Zimmer bei Leonhard.

Erste Scene.

Leonhard. (an einem Tisch mit Acten, schreibend)
Das wäre nun der sechste Bogen nach Tisch! Wie fühlt sich der Mensch, wenn er seine Pflicht210 thut! Jetzt könnte mir in die Thür treten, wer wollte, und wenn's der König wäre - ich wurde aufstehen, aber ich würde nicht in Verlegenheit211 gerathen! Einen nehm' ich aus, das ist der alte Tischler! Aber im Grunde kann auch der mir wenig machen! Die arme Klara! Sie dauert mich, ich kann nicht ohne Unruhe an sie denken! Daß der eine verfluchte Abend nicht wäre! Es war in mir wirklich mehr die Eifersucht, als die Liebe, die mich zum Rasen brachte, und sie ergab sich gewiß nur darein, um meine Vorwürfe zu widerlegen, denn sie war kalt gegen mich, wie der Tod. Ihr stehen böse Tage bevor, nun, auch ich werde noch viel Verdruß212 haben! Trage jeder das Seinige! Vor allen Dingen die Sache mit dem kleinen Buckel nur recht fest gemacht, damit die mir nicht entgeht, wenn das Gewitter ausbricht! Dann hab' ich den Bürgermeister auf meiner Seite, und brauche vor Nichts bange zu seyn!

Zweite Scene.

Klara. (tritt ein)
Guten Abend, Leonhard!

Leonhard.
Klara? (für sich) Das hätt' ich nun nicht mehr erwartet! (laut) Hast Du meinen Brief nicht erhalten? Doch - Du kommst vielleicht für Deinen Vater und willst die Steuer bezahlen! Wie viel ist es nur? (in einem Journal blätternd) Ich sollte es eigentlich aus dem Kopf wissen!

Klara.
Ich komme, um Dir Deinen Brief zurück zu geben! Hier ist er! Lies ihn noch einmal!

Leonhard. (liest mit großem Ernst)
Es ist ein ganz vernünftiger Brief! Wie kann ein Mann, dem die öffentlichen Gelder anvertraut sind, in eine Familie heirathen, zu der (er verschluckt ein Wort) zu der Dein Bruder gehört?

Klara.
Leonhard!

Leonhard.
Aber vielleicht hat die ganze Stadt Unrecht? Dein Bruder sitzt nicht im Gefängniß? Er hat nie im Gefängniß gesessen? Du bist nicht die Schwester eines - Deines Bruders?

Klara.
Leonhard, ich bin die Tochter meines Vaters, und nicht als Schwester eines unschuldig Verklagten, der schon wieder freigesprochen ist, denn das ist mein Bruder, nicht als Mädchen, das vor unverdienter Schande zittert, denn (halb laut) ich zittre noch mehr vor Dir, nur als Tochter des alten Mannes, der mir das Leben gegeben hat, stehe ich hier!

Leonhard.
Und Du willst?

Klara.
Du kannst fragen? O, daß ich wieder gehen dürfte! Mein Vater schneidet sich die Kehle ab213, wenn ich - heirathe mich!

Leonhard.
Dein Vater -

Klara.
Er hat's geschworen214! Heirate mich!

Leonhard.
Hand und Hals sind nahe Vettern. Sie thun einander Nichts zu Leide! Mach' Dir keine Gedanken!

Klara.
Er hat's geschworen - heirathe mich, nachher bring' mich um, ich will Dir für das Eine noch dankbarer seyn, wie für das Andere!

Leonhard.
Liebst Du mich? Kommst Du, weil Dich Dein Herz treibt? Bin ich der Mensch, ohne den Du nicht leben und sterben kannst?

Klara.
Antworte Dir selbst!

Leonhard.
Kannst Du schwören, daß Du mich liebst? Daß Du mich so liebst, wie ein Mädchen den Mann lieben muß, der sich auf ewig mit ihr verbinden soll?

Klara.
Nein, das kann ich nicht schwören! Aber dies kann ich schwören: ob ich Dich liebe, ob ich Dich nicht liebe, nie sollst Du's erfahren! Ich will Dir dienen, ich will für Dich arbeiten, und zu essen sollst Du mir Nichts geben, ich will mich selbst ernähren, ich will bei Nachtzeit nähen und spinnen für andere Leute, ich will hungern, wenn ich Nichts zu thun habe, ich will lieber in meinen eig'nen Arm hinein beißen, als zu meinem Vater gehen, damit er Nichts merkt. Wenn Du mich schlägst, weil Dein Hund nicht bei der Hand ist, oder weil Du ihn abgeschafft215hast, so will ich eher meine Zunge verschlucken, als ein Geschrei ausstoßen, das den Nachbaren verrathen könnte, was vorfällt. Ich kann nicht versprechen, daß meine Haut die Striemen216 Deiner Geißel217 nicht zeigen soll, denn das hängt nicht von mir ab, aber ich will lügen, ich will sagen, daß ich mit dem Kopf gegen den Schrank gefahren, oder daß ich auf dem Estrich218, weil er zu glatt war, ausgeglitten219 bin, ich will's thun, bevor noch Einer fragen kann, woher die blauen Flecke rühren. Heirathe mich - ich lebe nicht lange. Und wenn's Dir doch zu lange dauert, und Du die Kosten der Scheidung nicht aufwenden magst, um von mir los zu kommen, so kauf' Gift auf der Apotheke, und stell's hin, als ob's für Deine Ratten wäre, ich will's, ohne daß Du auch nur zu winken brauchst, nehmen und im Sterben zu den Nachbaren sagen, ich hätt's für zerstoßenen220 Zucker gehalten!

Leonhard.
Ein Mensch, von dem Du dies Alles erwartest, überrascht Dich doch nicht, wenn er nein sagt?

Klara.
So schaue Gott mich nicht zu schrecklich an, wenn ich komme, ehe er mich gerufen hat! Wär's um mich allein - ich wollt's ja tragen, ich wollt's geduldig hinnehmen, als verdiente Strafe für, ich weiß nicht was, wenn die Welt mich in meinem Elend mit Füßen träte, statt mir beizustehen, ich wollte mein Kind, und wenn's auch die Züge dieses Menschen trüge, lieben, ach, und ich wollte vor der armen Unschuld so viel weinen, daß es, wenn's älter und klüger würde, seine Mutter gewiß nicht verachten, noch ihr fluchen sollte. Aber ich bin's nicht allein, und leichter find' ich am jüngsten Tag noch eine Antwort auf des Richters Frage: warum hast Du Dich Selbst umgebracht? als auf die: warum hast Du Deinen Vater so weit getrieben?

Leonhard.
Du sprichst, als ob Du die Erste und Letzte wärst! Tausende haben das vor Dir durchgemacht, und sie ergaben sich darein, Tausende werden nach Dir in den Fall kommen und sich in ihr Schicksal finden: sind die alle Nickel, daß Du Dich für Dich allein in die Ecke stellen willst? Die hatten auch Väter, die ein Schock neue Flüche erfanden, als sie's zuerst hörten, und von Mord und Todtschlag sprachen; nachher schämten sie sich, und thaten Buße für ihre Schwüre und Gotteslästerungen221, sie setzten sich hin und wiegten das Kind, oder wedelten ihm die Fliegen ab!

Klara.
O ich glaub's gern, daß Du nicht begreifst222, wie irgend Einer in der Welt seinen Schwur halten sollte!

Dritte Scene.

Ein Knabe. (tritt ein)
Da sind Blumen! Ich soll nicht sagen, wovon.

Leonhard.
Ei, die lieben Blumen! (schlägt sich vor die Stirn) Teufel! Teufel! Das ist dumm! Ich hätte welche schicken sollen! Wie hilft man sich da heraus! Auf solche Dinge versteh' ich mich schlecht, und die Kleine nimmt's genau, sie hat an nichts Anderes zu denken! (er nimmt die Blumen) Alle behalt' ich sie aber nicht! (zu Klara) Nicht wahr, die da bedeuten Reue und Schaam? Hast Du mir das nicht einmal gesagt?

Klara. (nickt)

Leonhard. (zum Knaben)
Merk' Dir's, Junge, die sind für mich, ich stecke sie an, siehst Du, hier, wo das Herz ist! Diese, die dunkelrothen, die wie ein düsteres Feuer brennen, trägst Du zurück. Verstehst Du? Wenn meine Aepfel reif sind, kannst Du Dich melden!

Knabe.
Das ist noch lange hin! (ab)

Vierte Scene.

Leonhard.
Ja, siehst Du, Klara, Du sprachst von Worthalten223. Eben weil ich ein Mann von Wort bin, muß ich Dir antworten, wie ich Dir geantwortet habe. Dir schrieb ich vor acht Tagen ab, Du kannst es nicht läugnen, der Brief liegt da. (er reicht ihr den Brief, sie nimmt ihn mechanisch) Ich hatte Grund, Dein Bruder - Du sagst, er ist frei gesprochen, es freut mich! In diesen acht Tagen knüpfte ich ein neues Verhältniß an; ich hatte das Recht dazu, denn Du hast nicht zur rechten Zeit gegen meinen Brief protestirt, ich war frei in meinem Gefühl, wie vor dem Gesetz. Jetzt kommst Du, aber ich habe schon ein Wort gegeben und eins empfangen, ja - (für sich) ich wollt', es wär so - die Andere ist schon mit Dir in gleichem Fall, Du dauerst mich, (er streicht ihr die Locken zurück, sie läßt es geschehen, als ob sie es gar nicht bemerkte) aber Du wirst einsehen - mit dem Bürgermeister ist nicht zu spaßen!

Klara. (wie geistesabwesend224)
Nicht zu spaßen!

Leonhard.
Siehst Du, Du wirst vernünftig! Und was Deinen Vater betrifft, so kannst Du ihm keck225 in's Gesicht sagen, daß er allein Schuld ist! Starre mich nicht so an, schüttle nicht den Kopf, es ist so, Mädchen, es ist so! Sag's ihm nur, er wird's schon verstehen und in sich gehen, ich bürge226 Dir dafür! (für sich) Wer die Aussteuer227 seiner Tochter wegschenkt, der muß sich nicht wundern, daß sie sitzen bleibt. Wenn ich daran denke, so steift sich mir ordentlich der Rücken, und ich könnte wünschen, der alte Kerl wäre hier, um eine Lection in Empfang zu nehmen. Warum muß ich grausam sein? Nur weil er ein Thor war! Was auch daraus entsteht, er hat's zu verantworten, das ist klar! (zu Klara) Oder willst Du, daß ich selbst mit ihm rede? Dir zu Liebe will ich ein blaues Auge wagen und zu ihm gehen! Er kann grob gegen mich werden, er kann mir den Stiefelknecht228 an den Kopf werfen, aber er wird die Wahrheit, trotz des Bauchgrimmens, das sie ihm verursacht, hinunter knirschen und Dich in Ruhe lassen müssen. Verlaß' Dich darauf! Ist er zu Hause?

Klara. (richtet sich hoch auf)
Ich danke Dir! (will gehen)

Leonhard.
Soll ich Dich hinüber begleiten229? Ich habe den Muth!

Klara.
Ich danke Dir, wie ich einer Schlange danken würde, die mich umknotet hätte und mich von selbst wieder ließe und fort spränge, weil eine andere Beute sie lockte. Ich weiß, daß ich gebissen bin, ich weiß, daß sie mich nur läßt, weil es ihr nicht der Mühe werth scheint, mir das Bischen Mark aus den Gebeinen zu saugen, aber ich danke ihr doch, denn nun hab' ich einen ruhigen Tod. Ja, Mensch, es ist kein Hohn, ich danke Dir, mir ist, als hätt' ich durch Deine Brust bis in den Abgrund der Hölle hinunter gesehen, und was auch in der furchtbaren Ewigkeit mein Loos sey, mit Dir hab' ich Nichts mehr zu schaffen, und das ist ein Trost! Und wie der Unglückliche, den ein Wurm gestochen hat, nicht gescholten wird, wenn er sich in Schauder und Ekel die Adern öffnet, damit das vergiftete Leben schnell ausströmen kann, so wird die ewige Gnade sich vielleicht auch mein erbarmen, wenn sie Dich ansieht, und mich, was Du aus mir gemacht hast, denn warum könnt' ich's thun, wenn ich's nimmer, nimmer thun dürfte? Nur Eins noch: mein Vater weiß von Nichts, er ahnt Nichts, und damit er nie etwas erfährt, geh' ich noch heute aus der Welt! Könnt' ich denken, daß Du - (sie thut wild einen Schritt auf ihn zu) Doch, das ist Thorheit, Dir kann's ja nur willkommen seyn, wenn sie Alle stehen und die Köpfe schütteln und sich umsonst fragen: warum das geschehen ist!

Leonhard.
Es kommen Fälle vor! Was soll man thun! Klara!

Klara.
Fort von hier! Der Mensch kann sprechen! (sie will gehen)

Leonhard.
Meinst Du, daß ich's Dir glaube?

Klara.
Nein!

Leonhard.
Du kannst Gott Lob nicht Selbstmörderin230 werden, ohne zugleich Kindesmörderin231 zu werden!

Klara.
Beides lieber, als Vatermörderin! O ich weiß, daß man Sünde mit Sünde nicht büßt! Aber was ich jetzt thu, das kommt über mich allein! Geb' ich meinem Vater das Messer in die Hand, so trifft's ihn, wie mich! Mich trifft's immer! Dies giebt mir Muth und Kraft in all meiner Angst! Dir wird's wohl gehen auf Erden! (ab)

Fünfte Scene.

Leonhard. (allein)
Ich muß! Ich muß sie heirathen! Und warum muß ich? Sie will einen verrückten Streich begehen, um ihren Vater von einem verrückten Streich abzuhalten; wo liegt die Notwendigkeit232, daß ich den ihrigen durch einen noch verrückteren verhindern233 muß? Ich kann sie nicht zugeben, wenigstens nicht eher, als bis ich denjenigen vor mir sehe, der mir wieder durch den allerverrücktesten zuvorkommen will, und wenn der eben so denkt, wie ich, so giebt's kein Ende. Das klingt ganz gescheit234, und doch - Ich muß ihr nach! Da kommt jemand! Gott sey Dank, Nichts ist schmählicher235, als sich mit seinen eigenen Gedanken abzanken müssen! Eine Rebellion im Kopf, wo man Wurm nach Wurm gebiert, und Einer den andern frißt oder in den Schwanz beißt, ist die schlimmste von allen!

Sechste Scene.

Secretair. (tritt ein)
Guten Abend!

Leonhard.
Herr Secretair? Was verschafft mir die Ehre -

Secretair.
Du wirst es gleich sehen!

Leonhard.
Du? Wir sind freilich Schulkameraden gewesen!

Secretair.
Und werden vielleicht auch Todeskameraden seyn! (zieht Pistolen hervor) Verstehst Du damit umzugehen?

Leonhard.
Ich begreife Sie nicht!

Secretair. (spannt eine)
Siehst Du? So wird's gemacht. Dann zielst Du auf mich, wie ich jetzt auf Dich, und drückst ab! So!

Leonhard.
Was reden Sie?

Secretair.
Einer von uns Beiden muß sterben! Sterben! Und das sogleich!

Leonhard.
Sterben?

Secretair.
Du weißt, warum!

Leonhard.
Bei Gott nicht!

Secretair.
Thut Nichts, es wird Dir in der Todesstunde schon einfallen!

Leonhard.
Auch keine Ahnung -

Secretair.
Besinne Dich! Ich könnte Dich sonst für einen tollen Hund halten, der mein Liebstes gebissen hat, ohne selbst etwas davon zu wissen, und Dich niederschießen236, wie einen solchen, da ich Dich doch noch eine halbe Stunde lang für meines Gleichen gelten lassen muß!

Leonhard.
Sprechen Sie doch nicht so laut! Wenn Sie Einer hörte -

Secretair.
Könnte mich Einer hören, Du hättest ihn längst gerufen! Nun?

Leonhard.
Wenn's des Mädchens wegen ist, ich kann sie ja heirathen! Dazu war ich schon halb und halb entschlossen, als sie selbst hier war!

Secretair.
Sie war hier, und sie ist wieder gegangen, ohne Dich in Reue237 und Zerknirschung238 zu ihren Füßen gesehen zu haben? Komm! Komm!

Leonhard.
Ich bitte Sie - Sie sehen einen Menschen vor sich, der zu Allem bereit ist, was Sie vorschreiben! Noch heut Abend verlobe ich mich mit ihr!

Secretair.
Das thu' ich, oder Keiner. Und wenn die Welt daran hinge, nicht den Saum ihres Kleides sollst Du wieder berühren! Komm! In den Wald mit mir! Aber wohl gemerkt, ich faß' Dich unter den Arm, und wenn Du unterwegs nur einen Laut von Dir giebst, so - (er erhebt eine Pistole) Du wirst mir's glauben! Ohnehin nehmen wir, damit Du nicht in Versuchung kommst, den Weg hinten zum Hause hinaus durch die Gärten!

Leonhard.
Eine ist für mich - geben Sie mir die.

Secretair.
Damit Du sie wegwerfen, und mich zwingen kannst, Dich zu morden, oder Dich laufen zu lassen, nicht wahr? Geduld, bis wir am Platz sind, dann theil' ich ehrlich mit Dir!

Leonhard. (geht und stößt aus Versehen sein Trinkglas vom Tisch)
Soll ich nicht wieder trinken?

Secretair.
Courage, mein Junge, vielleicht geht's gut, Gott und Teufel scheinen sich ja beständig um die Welt zu schlagen, wer weiß denn, wer gerade Herr ist! (faßt ihn unter den Arm, Beide ab)

Zimmer im Hause des Tischlers. Abend.

Siebente Scene.

Karl. (tritt ein)
Kein Mensch daheim! Wüßt' ich das Rattenloch unter der Türschwelle239 nicht, wo sie den Schlüssel zu verbergen pflegen, wenn sie Alle davon gehen, ich hätte nicht hinein können. Nun, das hätte Nichts gemacht! ich könnte jetzt zwanzig Mal um die Stadt laufen und mir einbilden, es gäbe kein größeres Vergnügen auf der Welt, als die Beine zu brauchen. Wir wollen Licht anzünden! (er thuts) Das Feuerzeug ist noch auf dem alten Platz, ich wette, denn wir haben hier im Hause zwei Mal zehn Gebote. Der Hut gehört auf den dritten Nagel, nicht auf den vierten! Um halb zehn Uhr muß man müde seyn! Vor Martini darf man nicht frieren, nach Martini nicht schwitzen! Das steht in einer Reihe mit: Du sollst Gott fürchten und lieben! Ich bin durstig! (ruft) Mutter! Pfui! Als ob ich's vergessen hätte, daß sie da liegt, wo auch des Bierwirths Knecht sein Nußknackermaul nicht mehr mit einem Ja Herr! aufzureißen braucht, wenn er gerufen wird! Ich habe nicht geweint, als ich die Todtenglocke in meinem finstern Thurmloch hörte, aber - Rothrock, Du hast mich auf der Kegelbahn nicht den letzten Wurf thun lassen, obgleich ich die Boßel schon in der Hand hielt, ich lasse Dir nicht zum letzten Athemzug Zeit, wenn ich Dich allein treffe, und das kann heut Abend noch geschehen, ich weiß, wo Du um zehn zu finden bist. Nachher zu Schiff! Wo die Klara bleibt! Ich bin eben so hungrig, als durstig! Heut ist Donnerstag, sie haben Kalbfleisch-Suppe gegessen. Wär's Winter, so hätt's Kohl gegeben, vor Fastnacht weißen, nach Fastnacht grünen! Das steht so fest, als daß der Donnerstag wieder kehren muß, wenn der Mittwoch da gewesen ist, daß er nicht zum Freitag sagen kann: geh' Du für mich, ich habe wunde Füße!

Achte Scene.

Klara. (tritt ein)

Karl.
Endlich? Du solltest auch nur nicht so viel küssen! Wo sich vier rothe Lippen zusammen backen, da ist dem Teufel eine Brücke gebaut! Was hast Du da?

Klara.
Wo? Was?

Karl.
Wo? Was? In der Hand!

Klara.
Nichts!

Karl.
Nichts? Sind das Geheimnisse? (er entreißt ihr Leonhards Brief) Her damit! Wenn der Vater nicht da ist, so ist der Bruder Vormund240!

Klara.
Den Fetzen241 hab' ich fest gehalten, und doch geht der Abendwind so stark, daß er die Ziegel von den Dächern wirft! Als ich an der Kirche vorbei ging, fiel einer dicht vor mir nieder, so daß ich nur den Fuß daran zerstieß. O Gott, dacht' ich, noch einen! und stand still! Das wäre so schön gewesen, man hätte mich begraben und gesagt: sie hat ein Unglück gehabt! Ich hoffte umsonst auf den zweiten!

Karl. (der den Brief gelesen hat)
Donner und - Kerl, den Arm, der das schrieb, schlag' ich Dir lahm! Hol' mir eine Flasche Wein! Oder ist Deine Sparbüchse242 leer?

Klara.
Es ist noch eine im Hause. Ich hatte sie heimlich für den Geburtstag der Mutter gekauft und bei Seite gestellt. Morgen wäre der Tag - (sie wendet sich)

Karl.
Gieb sie her!

Klara. (bringt den Wein)

Karl. (trinkt hastig)
Nun könnten wir denn wieder anfangen. Hobeln, Sägen, Hämmern, dazwischen Essen, Trinken und Schlafen, damit wir immer fort hobeln, sägen und hämmern können, Sonntags ein Kniefall obendrein: ich danke Dir, Herr, daß ich hobeln, sägen und hämmern darf! (trinkt) Es lebe jeder brave Hund, der an der Kette nicht um sich beißt! (er trinkt wieder) Und noch einmal: er lebe!

Klara.
Karl, trink' nicht so viel! Der Vater sagt, im Wein sitzt der Teufel!

Karl.
Und der Priester sagt, im Wein sitzt der liebe Gott. (er trinkt) Wir wollen sehen, wer recht hat! Der Gerichtsdiener243 ist hier im Hause gewesen - wie betrug er sich?

Klara.
Wie in einer Diebsherberge244. Die Mutter fiel um und war todt, sobald er nur den Mund aufgethan hatte!

Karl.
Gut! Wenn Du morgen früh hörst, daß der Kerl erschlagen gefunden worden ist, so fluche nicht auf den Mörder!

Klara.
Karl, Du wirst doch nicht -

Karl.
Bin ich sein einziger Feind? Hat man ihn nicht schon oft angefallen? Es dürfte schwer halten, aus so vielen, denen das Stück zuzutrauen wäre, den rechten heraus zu finden, wenn dieser nur nicht Stock oder Hut auf dem Platz zurückläßt. (er trinkt) Wer es auch sey: auf gutes Gelingen245!

Klara.
Bruder, Du redest -

Karl.
Gefällt's Dir nicht? Laß' gut sein! Du wirst mich nicht lange mehr sehen!

Klara. (zusammen schaudernd)
Nein!

Karl.
Nein? Weißt Du's schon, daß ich zur See will? Kriechen mir die Gedanken auf der Stirn herum, daß Du sie lesen kannst? Oder hat der Alte nach seiner Art gewüthet, und gedroht, mir das Haus zu verschließen? Pah! Das wär' nicht viel anders, als wenn der Gefängnißknecht mir zugeschworen hätte: Du sollst nicht länger im Gefängniß sitzen, ich stoße Dich hinaus in's Freie!

Klara.
Du verstehst mich nicht!

Karl. (singt)
Dort bläht ein Schiff die Segel,
Frisch saus't hinein der Wind!

Ja, wahrhaftig, jetzt hält mich Nichts mehr an der Hobelbank fest! Die Mutter ist todt, es giebt Keine mehr, die nach jedem Sturm aufhören würde, Fische zu essen, und von Jugend auf war's mein Wunsch. Hinaus! Hier gedeih'246 ich nicht, oder erst dann, wenn ich's gewiß weiß, daß das Glück dem Muthigen, der sein Leben aufs Spiel setzt, der ihm den Kupferdreier247, den er aus dem großen Schatz empfangen hat, wieder hinwirft, um zu sehen, ob es ihn einsteckt, oder ihn vergoldet zurück giebt, nicht mehr günstig ist.

Klara.
Und Du willst den Vater allein lassen? Er ist sechszig Jahr!

Karl.
Allein? Bleibst Du ihm nicht?

Klara.
Ich?

Karl.
Du! Sein Schoßkind248! Was wächst Dir für Unkraut249 im Kopf, daß Du fragst! Seine Freude laß' ich ihm, und von seinem ewigen Verdruß250 wird er befreit, wenn ich gehe, warum sollt' ich's denn nicht thun? Wir passen ein für alle Mal nicht zusammen, er kann's nicht eng genug um sich haben, er mögte seine Faust zumachen und hinein kriechen, ich mögte meine Haut abstreifen, wie den Kleinkinderrock, wenn's nur ginge! (singt)
Der Anker wird gelichtet,
Das Steuer flugs gerichtet,
Nun fliegt's hinaus geschwind!

Sag' selbst, hat er auch nur einen Augenblick an meiner Schuld gezweifelt? Und hat er in seinem überklugen: Das hab' ich erwartet! Das hab' ich immer gedacht! Das konnte nicht anders enden! nicht den gewöhnlichen Trost gefunden? Wärst Du's gewesen, er hätte sich umgebracht! Ich mögt' ihn sehen, wenn Du ein Weiber Schicksal hättest! Es würde ihm sein, als ob er selbst in die Wochen kommen sollte! Und mit dem Teufel dazu!

Klara.
O, wie das an mein Herz greift! Ja, ich muß fort, fort!

Karl.
Was soll das heißen?

Klara.
Ich muß in die Küche - was wohl sonst? (faßt sich an die Stirn) Ja! Das noch! Darum allein ging ich ja noch wieder zu Hause! (ab)

Karl.
Die kommt mir ganz sonderbar vor! (singt)
Ein kühner Wasservogel
Kreis't grüßend um den Mast!

Klara. (tritt wieder ein)
Das Letzte ist gethan, des Vaters Abendtrank steht am Feuer. Als ich die Küchenthür hinter mir anzog, und ich dachte: Du trittst nun nie wieder hinein! ging mir ein Schauer durch die Seele. So werd' ich auch aus dieser Stube gehen, so aus dem Hause, so aus der Welt!

Karl. (singt, ergeht immer auf und ab, Klara hält sich im Hintergrund)
Die Sonne brennt herunter,
Manch Fischlein, blank und munter,
Umgaukelt keck den Gast!

Klara.
Warum thu' ich's denn nicht? Werd' ich's nimmer thun? Werd' ich's von Tag zu Tag aufschieben, wie jetzt von Minute zu Minute, bis - Gewiß! Darum Fort! - Fort! Und doch bleib' ich stehen! Ist's mir nicht, als ob's in meinem Schooß bittend Hände aufhöbe, als ob Augen - (sie setzt sich auf einen Stuhl) Was soll das? Bist Du zu schwach dazu? So frag' Dich, ob Du stark genug bist, Deinen Vater mit abgeschnittener Kehle251 - (sie steht auf) Nein! Nein! - Vaterunser252, der Du bist im Himmel - Geheiliget werde Dein Reich - Gott, Gott, mein armer Kopf - ich kann nicht einmal beten - Bruder! Bruder! - Hilf mir -

Karl.
Was hast Du?

Klara.
Das Vaterunser! (sie besinnt sich) Mir war, als ob ich schon im Wasser läge, und untersänke, und hätte noch nicht gebetet! Ich - (plötzlich) Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern! Da ist's! Ja! Ja! ich vergeb' ihm gewiß, ich denke ja nicht mehr an ihn! Gute Nacht, Karl!

Karl.
Willst Du schon so früh schlafen gehen? Gute Nacht!

Klara. (wie ein Kind, das sich das Vaterunser überhört)
Vergieb uns -

Karl.
Ein Glas Wasser könntest Du mir noch bringen, aber es muß recht frisch seyn!

Klara. (schnell)
Ich will es Dir vom Brunnen holen!

Karl.
Nun, wenn Du willst, es ist ja nicht weit!

Klara.
Dank! Dank! Das war das Letzte, was mich noch drückte! Die That selbst mußte mich verrathen! Nun werden sie doch sagen: sie hat ein Unglück gehabt! Sie ist hinein gestürzt!

Karl.
Nimm Dich aber in Acht, das Brett ist wohl noch immer nicht wieder vorgenagelt!

Klara.
Es ist ja Mondschein! - O Gott, ich komme nur, weil sonst mein Vater käme! Vergieb mir, wie ich - Sey mir gnädig - gnädig - (ab)

Neunte Scene.

Karl. (singt)
Wär gern hinein gesprungen,
Da draußen ist mein Reich!

Ja! aber vorher - (er sieht nach der Uhr) Wie viel ists? Neun!

Ich bin ja jung von Jahren,
Da ist's mir nur um's Fahren,
Wohin? Das gilt mir gleich!

Zehnte Scene.

Meister Anton. (tritt ein)
Dir hätt' ich etwas abzubitten, aber wenn ich's Dir verzeihe, daß Du heimlich Schulden gemacht hast, und sie noch obendrein für Dich bezahle, so werd' ich's mir ersparen dürfen!

Karl.
Das Eine ist gut, das Andere ist nicht nöthig, wenn ich meine Sonntags-Kleider verkaufe, kann ich die Leute, die ein Paar Thaler von mir zu fordern haben, selbst befriedigen, und das werd' ich gleich morgen thun, als Matrose, (für sich) da ist's heraus! (laut) brauch ich sie nicht mehr!

Meister Anton.
Was sind das wieder für Reden!

Karl.
Er hört sie nicht zum ersten Mal, aber Er mag mir heute darauf antworten, was Er will, mein Entschluß253 steht fest!

Meister Anton.
Mündig254 bist Du, es ist wahr!

Karl.
Eben weil ich's bin, trotz' ich nicht darauf. Aber ich denke, Fisch und Vogel sollten sich nicht darüber streiten, ob's in der Luft oder im Wasser am besten ist. Nur Eins. Er sieht mich entweder nie wieder, oder Er wird mich auf die Schulter klopfen und sagen: Du hast recht gethan!

Meister Anton.
Wir wollen's abwarten. Ich brauche den Gesellen, den ich für Dich eingestellt habe, nicht wieder abzulehnen, was ist's denn weiter?

Karl.
Ich dank' Ihm!

Meister Anton.
Sag' mir, hat der Gerichts-Diener, statt Dich auf dem kürzesten Weg zum Bürgermeister zu führen, Dich wirklich durch die ganze Stadt -

Karl.
Straß' auf, Straß' ab, über den Markt, wie den Fastnachtsochsen255, aber zweifle Er nicht, auch den werd' ich bezahlen, eh' ich gehe!

Meister Anton.
Das tadle ich nicht, aber ich verbiet' es Dir!

Karl.
Ho!

Meister Anton.
Ich werde Dich nicht aus den Augen lassen, und ich selbst, ich würde dem Kerl beispringen, wenn Du Dich an ihm vergreifen wolltest!

Karl.
Ich meinte, Er hätte die Mutter auch lieb gehabt.

Meister Anton.
Ich werd's beweisen.

Elfte Scene.

Der Secretair. (tritt bleich und wankend herein, er drückt ein Tuch gegen die Brust)
Wo ist Klara? (er fällt auf einen Stuhl zurück) Jesus! Guten Abend! Gott sey Dank, daß ich noch her kam! Wo ist sie?

Karl.
Sie ging zum - Wo bleibt sie? Ihre Reden - mir wird angst! (ab)

Secretair.
Sie ist gerächt - Der Bube256 liegt - Aber auch ich bin - Warum das, Gott? - Nun kann ich sie ja nicht -

Meister Anton.
Was hat Er? Was ist mit ihm?

Secretair.
Es ist gleich aus! Geb' Er mir die Hand darauf, daß Er Seine Tochter nicht verstoßen257 will - Hört Er, nicht verstoßen, wenn sie -

Meister Anton.
Das ist eine wunderliche Rede. Warum sollt' ich sie denn - Ha, mir gehen die Augen auf! Hätt' ich ihr nicht unrecht gethan?

Secretair.
Geb' er mir die Hand!

Meister Anton.
Nein! (steckt beide Hände in die Tasche) Aber ich werde ihr Platz machen, und sie weiß das, ich hab's ihr gesagt!

Secretair. (entsetzt)
Er hat ihr - Unglückliche, jetzt erst versteh' ich Dich ganz!

Karl. (stürzt hastig herein)
Vater, Vater, es liegt jemand im Brunnen! Wenn's nur nicht -

Meister Anton.
Die große Leiter her! Haken! Stricke! Was säumst Du? Schnell! Und ob's der Gerichtsdiener wäre!

Karl.
Alles ist schon da. Die Nachbarn kamen vor mir. Wenn's nur nicht Klara ist!

Meister Anton.
Klara? (er hält sich an einem Tisch)

Karl.
Sie ging, um Wasser zu schöpfen und man fand ihr Tuch.

Secretair.
Bube, nun weiß ich, warum Deine Kugel traf. Sie ist's.

Meister Anton.
Sieh' doch zu! (setzt sich nieder) Ich kann nicht! (Karl ab) Und doch! (steht wieder auf) Wenn ich Ihn (zum Secretair) recht verstanden habe, so ist Alles gut.

Karl. (kommt zurück)
Klara! Todt! Der Kopf gräßlich am Brunnenrand zerschmettert258, als sie - Vater sie ist nicht hinein gestürzt, sie ist hinein gesprungen, eine Magd hat's gesehen!

Meister Anton.
Die soll sich's überlegen, eh' sie spricht! Es ist nicht hell genug, daß sie das mit Bestimmtheit hat unterscheiden können!

Secretair.
Zweifelt259 Er? Er mögte wohl, aber Er kann nicht! Denk' Er nur an das, was Er ihr gesagt hat! Er hat sie auf den Weg des Todes hinaus gewiesen, ich, ich bin Schuld, daß sie nicht wieder umgekehrt ist. Er dachte, als er ihren Jammer ahnte, an die Zungen, die hinter ihm herzischeln260 würden, aber nicht an die Nichtswürdigkeit261 der Schlangen, denen sie angehören, da sprach er ein Wort aus, das sie zur Verzweiflung trieb; ich, statt sie, als ihr Herz in namenloser Angst vor mir aufsprang, in meine Arme zu schließen, dachte an den Buben, der dazu ein Gesicht ziehen könnte, und - nun, ich bezahl's mit dem Leben, daß ich mich von Einem, der schlechter war, als ich, so abhängig machte, und auch Er, so eisern er dasteht, auch Er wird noch einmal sprechen: Tochter, ich wollte doch, Du hättest mir das Kopfschütteln und Achselzucken der Pharisäer um mich her nicht erspart, es beugt mich doch tiefer, daß Du nun nicht an meinem Sterbebett sitzen und mir den Angstschweiß abtrocknen kannst!

Meister Anton.
Sie hat mir Nichts erspart - man hat's gesehen!

Secretair.
Sie hat gethan, was sie konnte - Er war's nicht werth, daß ihre That gelang!

Meister Anton.
Oder sie nicht!

(Tumult draußen.)

Karl.
Sie kommen mit ihr - (will ab)

Meister Anton. (fest, wie bis zu Ende, ruft ihm nach)
In die Hinterstube, wo die Mutter stand!

Secretair.
Ihr entgegen! (will aufstehen, fällt aber zurück) O! Karl!

Karl. (hilft ihm auf und führt ihn ab.)

Meister Anton.
Ich verstehe die Welt nicht mehr!

Study Questions, Act 3